Die
Kavernenanlagen von Etzel

Ansicht der
Zentralanlagen
Die große Erdölkrise
in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bewies
uns allen deutlich, wie abhängig unser Land von den Ölzulieferungen
aus dem Ausland ist. Die Förderungsdrosselung von Rohöl
der ölexportierenden Staaten (OPEG) bescherte uns nicht nur
(nicht unangenehme) autofreie Sonntage, sondern generell
eine Verknappung und Verteuerung aller auf Öl aufgebauten
und vom Öl abhängigen Produkte.
Die direkte Abhängigkeit
der Industrieländer nimmt bei ständig steigendem Bedarf
kontinuierlich zu. Die Industrienationen in Europa können
im Mittel ihren Bedarf zu 20 % aus eigener Förderung
decken, unser Land muß sogar einen Anteil von über 95 %
einführen. Schon kurzfristige Störungen auf dem
Liefermarkt können verständlicherweise unsere gesamte
Wirtschaft und das Verkehrswesen zum Erliegen bringen. Um
diese Störungen weitgehend auszugleichen, mußten
ausreichende Ausgleichsmaßnahmen eingeleitet und damit eine
Vorratsbewirtschaftung eingeleitet werden.
Den ersten Schritt tat die damalige Bundesregierung schon
1965 mit einem "Gesetz über Mindestvorräte an Erdölerzeugnissen".
Mit diesem Gesetz wurde die deutsche Mineralölwirtschaft
verpflichtet, Reserven für einen Bedarf von 65 Tagen
anzulegen.
Pipelines
während der Bauphase

Aufgrund einer
OECD-Empfehlung sollte die Rohölbevorratung in den Staaten
der Europäischen Gemeinschaft auf einen 90-Tage-Bedarf
ausgeweitet werden. Eine weitere Erhöhung auf insgesamt 120
Tage wurde sogar von der EG selber angestrebt. Leider sind
diese guten Vorsätze zwischenzeitlich nach Ende des kalten
Krieges in Vergessenheit geraten.
Unabhängig von
dem Umfang der Bevorratungspflicht für die Mineralölgesell-schaften
entschloß sich die Bundesregierung im Jahr 1970, eine zusätzliche
Reserve (der sogenannten Bundesrohölreserve) mit einem
Volumen von 10 000 000 Tonnen vorzuhalten. Diese Menge
entsprach einer Zusatzreserve von 25 Tagen, hochgerechnet
auf den zu erwartenden Gesamtbedarf für das Jahr 1975.
Die Bundesregierung beauftragte zu dem Zeitpunkt die
seinerzeit sich noch im Bundesbesitz befindliche
Industrieverwaltungsgesellschaft mbH (IVG) mit der Schaffung
von Möglichkeiten zur zentralen Lagerung dieser gewaltigen
Menge.
Es kam daher natürlich die Frage auf, wie man dieses
riesige Volumen sowohl umweltfreundlich wie auch
wirtschaftlich jederzeit rückholbar einlagern konnte.
Eine oberirdische Lagerung bedeutete einen enormen Flächenbedarf,
verbunden hohen Sicherheitsvorkehrungen, sowie hohen Grundstücks-
und Baukosten. Die herkömmlichen Tankbehälter hätten
ganze Landstriche entstellt, es sprach also alles gegen die
konventionelle Lagerung.

Ausschnitt
für Platzbedarfsbeispiel
.
Platzbedarfslösung durch Kavernen
Würde man die
Planmenge (von 10 Millionen Tonnen) in Großraum-Kesselwagen
verfüllen, hätte ein solcher Zug eine Länge von Etzel
nach Casablanca.
Die IVG mußte
daher neue Wege beschreiten und fand die Lösung im Etzeler
Un-tergrund. Vor über 200 Millionen Jahren waren die
riesigen unterirdischen Salz-stöcke in der norddeutschen
Tiefebene entstanden (sh. Artikel über die Salz-stöcke).
Da diese Steinsalzformationen für Erdöl praktisch undurchlässig
sind und auch keine chemischen Verbindungen miteinander
eingehen können, war mit den Salzstöcken die Grundlösung
gefunden. Erste Berechnungen, die mittlerweile durch die
Realität andernorts bestätigt wurden, ergaben, daß die
Salzstocklagerung die weitaus kostengünstigste und zudem
umweltfreundlichste Form sein sollte.
Die Investitions- Unterhaltungs und Betriebskosten betragen
nur gut ein Drittel der Summe, die für herkömmliche
Anlagen aufgewandt werden müssen.Die Wirtschaftlichkeit von
solchen Anlagen hängt natürlich von vielen Faktoren ab:
Salzbeschaffenheit,
Tiefenlage der Stöcke,
Möglichkeit zum Erwerb von notwendigen Grundstücken,
Vorhandene Verkehrsinfrastruktur,
Nähe der Wasserentnahmestelle,
Realisierbarkeit zur Abgabe der gesättigten Sole,
Entfernung zu einem Tiefwasserhafen zur Ölanlandung,
Kostengünstige Anbindungsmöglichkeiten an Pipelines.
Eine
umfangreiche Standortuntersuchung unter der speziellen
Mitwirkung der Bundesanstalt für Bodenforschung in Hannover
führte letztlich zu der Entscheidung die Erstellung der
Kavernenanlagen in Etzel.

Ein ausschlaggebendes Argument für die Pro- Etzel-
Entscheidung war sicherlich auch in der Nähe zum ungefähr
20 km nordöstlich von Etzel liegenden Wilhelmshaven, dem größten
deutschen Umschlagplatz für Rohöle, begründet. In
Wilhelmshaven an der Außenjade, befinden sich die großen
Anlandebrücken für die Großtanker und auch die
Hauptstation der Nord- West- Oil-Pipline (NWO). Von hier aus
wird das in Großtankschiffen angelandete Öl zu den
Industriezentren an Rhein und Ruhr transportiert.
Model
einer Kaverne
Parallel zu den Standortuntersuchungen liefen schon
Vorbereitungen für die Projektrealisierung. Als Standort für
die Pumpstationen, Bearbeitungs- und Kraftwerksanlagen, die
Steuerungsstationen und die Verwaltungsbauten wurden direkt
an der Bundesstraße 436 Grundstücke gewählt und
aufgekauft. Weiterhin mußten die Öl- und Wasserpipelines
gebaut, Probebohrungen vorgenommen und die allgemeinen
Betriebserlaubnisse eingeholt werden.
Pumpen
und Verteiler
Damit konnte
mit dem Bau der größten unterirdischen Tankstelle der Welt
begonnen werden.
Der Vorgang der
Kavernenerstellung ist theoretisch einfach wie verblüffend.
Große stationäre oder mobile Bohrtürme treiben überdimensionale
Bohrer bis zu einer Tiefe von 1800 m in den Salzstock
hinein. Danach werden die erforderlichen Spülvorgangsrohre
in die Bohrung eingefahren. Durch das Spülrohr wird das der
Außenjade entnommene Wasser in den Salzstock eingespült.
Durch diesen Vorgang löst sich das Salz im Wasser und wird
als hochangereicherte Sole durch das Rohrsystem wieder
herausgepumpt. Um ein Ausspülen des Kavernendaches zu
verhindern, wird als Schutzflüssigkeit Heizöl
-"Blanket"- in die Kaverne gedrückt,es schwimmt
auf dem Solewasser

Ölkavernenkopf
Den Spülvorgang
unterbrechend, geben echometrische Messungen über Form und
Größe des entstehenden Speichers einen Aufschluß. Hat der
Hohlraum seine vor-gesehene Größe mit einem Durchmesser
von maximal 35 m und einer Höhe von ungefähr 650 m
erreicht, werden die Spülrohre durch Einfüllstränge
ersetzt. Danach kann schon mit dem Befüllen der Kavernen
mit Mineralölen (oder auch mit Gas möglich, sh.
gesonderten Artikel) begonnen werden. Das auf den Spiegel
des Spülwassers gedrückte Öl verdrängt über das
Standrohr das Inhaltswasser. Da bekanntlich Öl auf Wasser
schwimmt, kann im Umkehrschluß eine Kaverne auch leicht
entleert werden. Zu diesem Zweck wird Wasser hineingepumpt
und drückt das Öl wieder aus der Kaverne heraus.

Ansicht
der Hauptanlagen
Nachdem die
gigantischen Arbeiten (vornehmlich im Hohejohlster Gebiet)
abge-schlossen und die Kavernen mit Öl befüllt waren,
wurde die durchwühlte Landschaft weitgehend renaturisiert.
Heute zeugen nur noch die Hochbauten und die vielen
Kavernenköpfe von dem sich unter der Erdoberfläche
Verborgenem. Der landschaftliche Charakter ist weitgehend
bewahrt geblieben, die Flächen wurden wieder einer
landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt.
Mobile Bohranlage
Anmerkungen:
Die
Kraftwerksanlagen und die Turbinen würden für die
Grundversorgung einer mittleren Stadt mit elektrischer
Energie ausreichen. Die mit Erdgas betriebenen
Kleinkraftwerke werden übrigens in Spitzenzeiten dem
Energieverbundnetz zugeschaltet.
Die
Wasserentnahmestelle und die IVG- Pumpstation für das Spülwasser
befindet sich am Kopf der Wilhelmshavener Niedersachsenbrücke
an der Außenjade. An gleicher Stelle wird auch die gesättigte
Sole in das Gezeitenwasser gedrückt. Diese nicht
unstrittige Einleitung wird ständig kontrolliert,
Meeresbiologen überwachen die Konsistenz des Jadewassers
und die Auswirkungen über die biologischen Vorgänge im
Einleitungsumfeld.
Während der
Bauphase waren zeitgleich über eintausend Menschen auf den
ver-schiedenen Baustellen beschäftigt. Etzel galt damals
als die größte Baustelle Europas.
Im allgemeinen
gilt für die Länder der Bundesrepublik Deutschland, daß
die unter dem Erdreich lagernden Mineralien nach dem
Bergrecht dem Staat vorbehalten sind. Im Gegensatz dazu galt
für Etzel aber ein vergessenes Gesetz des ehemaligen Königreiches
Hannover, nachdem Mineralien, dazu gehört nun auch Salz,
den Grundeigentümern vorbehalten bleiben.
So kam es zu dem paradoxen Umstand, daß der Staat das von
der IVG in Sole gewandelte Salz für viel Geld von den örtlichen
Bauern kaufen mußte, um es dann anschließend ungenutzt ins
Meer zu pumpen.
Um ihre
Interessen wahrnehmen zu können, gründeten die in Frage
kommenden Landbesitzer einen heute noch existierenden
Verein. Die "Etzeler Kavernen- Gemeinschaft e.V."
dürfte in seiner Art in der deutschen Vereinslandschaft
wohl einmalig sein.